FA:Kurze Prozession – Erstbegehung meines Boulder-Projektes

27. Juli 2008 in News, RokBlog  |  11 Kommentare  |  15495 Leser
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Erstbegehung von Kurze ProzessionVor kurzem gelang mir die Erstbegehung von “Kurze Prozession” einem Boulder in kompaktem Sandstein an feinen Sloperleisten. Das Dachproblem mit Kantenfinish hat mich zwar etliche Tage und Nächte gekostet, aber die Mühe war es absolut wert. Es ist etwas völlig anderes, an einen Block zu kommen und einen Boulder niederzureissen, oder aber an jungfräulichem Fels die Linie zu erahnen, zu Putzen, das Absprunggelände zu ebnen und sich dann ans Ausbouldern zu machen. Ich habe einiges dabei gelernt…

Rückblick

Bereits beim ersten Besuch an den Bouldern fiel mir ein Block auf, der geradezu danach schrie gebouldert zu werden. Ein kleingriffiges Dach mit abgefahrenen Fussklemmern und Hooks, bis dann nach der Dachkante die sehr kleingriffige Crux lauert. Das Hauptproblem ist aber das Absprunggelände: An einem recht steilen, verblockten Hang der leider anscheinend von einigen Leuten dazu genutzt wird dort ihre Flaschen zu zerschlagen rutscht man bei unkontrollierten Zügen den Hang runter. Die ersten Versuche sind entsprechend zögerlich und das Absprunggelände zwingt mich dazu kontrolliert zu klettern.

Gang nach Kanossa

Kurze Prozession 1In den nächsten Wochen fahre ich recht oft zu meinem Projekt, schleife umgestürzte Bäume unter den Boulder um den Hang etwas zu ebnen und feuere ein Go nach dem anderen in den Boulder. Zumindest der Standstart klappt inzwischen als Einzelproblem recht zuverlässig, allerdings bin ich mit Sitzstart einfach zu platt um den Ausstieg noch anzuhängen. Dann steigen die Temperaturen und der Ausstieg will so auch nicht mehr klappen.
Die Lösung: In den späten Abendstunden mit Stirnlampe bouldern!
Viele Abende fahre ich die knapp 100km und schleppe mich den Hang hinauf. Oben angekommen weht meist ein verheißungsvoller Wind, aber sobald ich am Block ankomme: Absolute Windstille! Nicht das leiseste Lüftchen weht hier unten, obwohl man in etwa 10 Metern Höhe die Bäume und Blätter schön rascheln sieht.Kurze Prozession 2Kurze Prozession 3
Jedesmal kann ich den unteren Teil etwas optimierter Klettern und komme fast ausgeruht am Endproblem an, dennoch will es einfach nicht klappen, die Finger rutschen mir nass von den schlechten Sloperleistchen.
Das Absprunggelände ist inzwischen wirklich gut, dennoch begehe ich einen grossen Fehler: Ich überdenke nicht erneut meine Beta, sondern halte einfach an der mir zu Anfangs aufgezwungenen, kontrollierten Variante fest, obwohl das Absprunggelände inzwischen ja gut ist. So wie ich den Boulder versuche fühlt sich das endschwer an – jedenfalls um Welten schwerer, als Alles, was ich bisher gebouldert bin.

Licht am Ende des Tunnels

Kurze Prozession 4Jeden Tag gucke ich mir den Wetterbericht an und hoffe auf sinkende Temperaturen und Luftfeuchtigkeit mit gutem Wind. Ich scheitere inzwischen am vorletzten Griff und merke, dass mein Ziel in greifbare Nähe rückt. Kurze Prozession 5Der Wetterbericht kündigt noch einen Tag kühles Wetter an, dann soll es wieder wärmer werden. Also zwei Ruhetage und dann Hop oder Top! Dieses mal bouldere ich mich zuvor hier in der Kletterhalle warm und sammle dann Georg Lenz vor der Fahrt auf. Da geht was! Meine Finger sind stark und ich bin bissig. Kaum beim Georg angekommen: Wolkenbruch!!! Es schüttet in Strömen, aber nach etwas Überzeugungsarbeit kann ich Georg doch dazu bewegen mich zu begleiten. Kurz vor Neustadt werden Himmel und Strassen heller und es sieht trocken aus. Die Hoffnung steigt! Zielstrebig renne ich bewaffnet mit vier grossen Crashpads den Hang hinauf.

Das Ritual

Ich fühle, dass heute meine Chance ist und aus den vergangenen Versuchen weiss ich, dass oftmals der erste Go am Tag der beste ist, dann werden die Leistchen immer nasser und die Arme immer
schwächer. Ich prepariere also das Absprunggelände perfekt mit Massen von Crashpads, bürste die Griffe Kurze Prozession 6gründlich und lege Chalk in mehreren Schichten auf die geschundenen Finger.
Kurz Hyperventilieren und dann mit Vollgas in den Tagesflash-Versuch durchstarten: Die Startzüge sitzen inzwischen und ich komme unangestrengt in die Crux. BAM! Die rechte Hand klatscht auf die Sloperleiste und – KLEBT!!! – fast überrascht davon wackle ich den nächsten Kreuzer auf den nächsten, fairen Griff, dann rutschen mir die Füsse von den Tritten und ich schlackere unkontrolliert rum, kann aber gerade noch den rettenden Henkel fixieren. Adrenalingeladen und zitternd wackel ich durch den blockigen Ausstieg – endlich, geschafft!

Der Kater

Inzwischen habe ich absolut das Gefühl dafür verloren, wie schwer der Boulder überhaupt sein kann. Alle anderen Kletterer, die sich bisher darin versuchten, konnten den Standstart so nicht klettern,
waren aber auch durch meine Beta vorbelastet. Daher habe ich zwei starke Freunde aus dem Saarland mitgenommen und ganz bewusst nichts gesagt, oder gezeigt wie sich der Boulder lösen lässt.
Ihre Lösung war dann für mich fast ernüchternd: Meine erste Variante, die ich damals wegen dem Absprunggelände verwerfen musste lässt sich jetzt problemlos bouldern und so können sich beide auch die ersten Wiederholungen einsacken. Beide schätzen den Boulder auf etwa fb7c.

Werboulderer TitelshotIch habe in der Ausseinandersetzung mit “Kurze Prozession” viel gelernt. Dass die Anfangs unmöglichen Züge mir mit der Zeit doch so “leicht” von der Hand gingen hätte ich nicht gedacht. Ich habe bisher noch nie an einem Projekt derartig hart gearbeitet und soviel Zeit und Energie reingesteckt und muss wirklich sagen, dass der gesamte Prozess mir die Augen geöffnet hat, was eigentlich möglich ist, wenn man hart genug probiert. Ausserdem kann ich inzwischen die Arbeit der Erstbegeher viel mehr schätzen. Als “Konsument” übersieht man oft, wieviele Emotionen, Gedanken und letztendlich auch Arbeit in Bouldern steckt und nimmt das einfach nicht wahr.
Natürlich ist es jetzt etwas schade, dass meine Lösung nicht DIE Lösung ist und ich es mir unnötig schwer gemacht habe, dennoch hat mir der Weg gezeigt, was möglich ist, wenn man sich 100%ig auf
das Spiel einlässt. Darauf möchte ich rückblickend nicht verzichten!

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11 Antworten zu “FA:Kurze Prozession – Erstbegehung meines Boulder-Projektes”

  1. Christoph sagt:

    hehe, erster Leser. Webmaster sind halt Nachtmenschen ;-) .

    Und was will man sonst bei so Wetter machen, ausser vll noch Freibad.

    Gruß
    Christoph

  2. [...] Die ganze Story der Erstbegehung von “Kurze Prozession” findet ihr unter RokBlog.de [...]

  3. Jörg sagt:

    Hey, Gratulation. Zum FA und zum Bericht.
    Nicht immer ist der Weg das Ziel,
    aber manchmal ist der Prozess genauso wichtig wie das Ergebnis.
    Ich spür auf jeden Fall das Herzblut das drinn ist (Im Prozess, im Ergebniss, im Bericht).
    Rock On.
    -
    PS: Dort ist Nachtklettern echt unkritisch.
    Trotzdem werd ich erstmal wieder kühle Temp abwarten ;-)

  4. adam sagt:

    wie geht denn jetzt die eigentlich Lösung? Direkt durchs dach? Hat dir das auch gereicht, ich meine du hast es ja nicht mehr versucht da es dir ja zu weit vorkam.

    MFG adam

  5. marc sagt:

    Danke für die Kommentare, bin richtig glücklich darüber, dass ich es zu Ende gebracht habe!

    Das Dach ist gar nicht der wirklich kritische Teil, sondern das Endproblem: So wie ich die äussere Rissspur durchblockiere ist es zwar geil, aber unnötig. Man kann auch aus der Mitte der Rissspur mit rechts direkt hoch auf die Sloperleiste springen. Dann spart man sich den anstrengenden Kreuzer und das anschliessende hoch blocken.

    Ich bin generell kein Freund von Definitionen, wo sie nicht wirklich sinnvoll sind – umliegende Blöcke usw. – insofern will ich gar nicht versuchen jemandem vorzuschreiben, wie er was klettert nur weil ich nicht auf die einfachste Lösung gekommen bin. Zwingender wäre es nur, wenn ich jetzt das Absprunggelände wieder schlechter mache, aber warum? Der Boulder ist ja auch so gut und soll nicht künstlich schwerer werden, als er ist.

    Jörg hats ja auch richtig rausgelesen: Ohne Ergebnis ist der Prozess zwar nicht erwähnenswert, aber nur das Ergebnis ohne Prozess hält einen nachts nicht wach!

    Krieg im Klub sieht übrigens echt hart aus! Monos sind absolut nicht meine Stärke. Egal – ich bin dabei :)

    Bis bald,

    Marc

  6. adam sagt:

    Hey Marc

    Mh… das mit dem direkt hoch an die Sloperleiste… war ja auch mein erster Gedanke, jedoch hab ich’s ja nie richtig probier… hätte ich wohl machen sollen, jetzt wo das neue “Podest” da ist, davor war die ganze Angelegenheit da hoch zu springen irgendwie ein bisschen heikel. Aber das dach wir nach wie vor so gemacht wie du es ausgeboulder hast… mit dem Hoock vom Max..^^,
    naja manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

    Aber trotzdem ein klasse Problem, habe den Stehstart deiner “original” Variante freitagmorgens auch Punkten können. na ja … hatte nur 2 Pad’s des halb blieben weitere Durchstiegsversuche aus.

    Also zu den Monos, die sind auch absolut nicht meine stärke, aber was noch nicht ist kann ja noch werden.. ^^

    MFG cya,

    Adam

  7. tanja sagt:

    RespekT!!!!!! für Deinen Durchstieg und vor allem für Deine Hartnäckigkeit!!
    LG Tanja

  8. marc sagt:

    Hey Tanja, vielen Dank!
    Ich muss mal schauen, ob ich die Woche zu irgendwas komme. Mein Trip ins Avers fällt definitiv aus…evtl. geht mal n kurzfristiger “quickie” ;) aber mehr ist nicht drin. Wie im Magic Wood haben sich auch an meinem WG-Himmel seeeeeehr dunkle Wolken aufgetürmt und die müssen jetzt erstmal verscheucht werden…

  9. Jörg sagt:

    Hi Marc, so wegen: die community kümmert sich.
    Marvel hat deine Begehung im PK-Forum geposted und daraufhin gabs ein paar interessante Erkenntnisse, z.T. offline.
    Bitte den Ball in dem Spot besonders flach halten, damit wir noch lange Spass drann haben.
    Erklärung per Mail.

  10. Philip sagt:

    Tja für den Durchstieg und die netten Bilder gibts ein großes Lob!!!

  11. [...] time we arrived, the Physicist had already repeated one of the hardest problems there called ‘Kurze Prozession‘, 7c. I warmed up quickly (every 5 minutes taking my shoes off trying to unfreeze my [...]

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